musica reservata - Animato, ACD 6136

 

Nocturne Intimität

MUSICA RESERVATA ist eine Sammlung von 12 kurzen Stücken für Klavier solo des Komponisten John Palmer, welche zwischen Dezember 1988 und Mai 1989 hauptsächlich in der Nacht komponiert und auf dieser Aufnahme von Friedrike Wild eingespielt wurden. Die Stücke sind so angelegt, dass sie auch von zwei Pianisten an zwei Klavieren vorgetragen werden können, wobei diese jeweils verschiedene Stücke oder aber auch dasselbe Stück spielen können. In seinen Aufführungen von MUSICA RESERVATA hat Palmer die Improvisation als einen wesentlichen Bestandteil eines jeden Stücks nach oder sogar während der Exposition mit eingebunden. Diese Art der Ausübung ist für die Aufführung des Werkes allerdings nicht zwingend notwendig. Jedes Stück kann auch einzeln als selbstständiges, in sich abgeschlossenes Stück vorgetragen werden.
Der Titel bezieht sich auf den von Adrian Petit Coclico, einem Schüler Josquin Des Prezs, genannten Begriff musica reservata, der dieses Wort im Vorwort seines Buchs Compendium musices (Nuremberg, 1552) ins Leben rief. Obwohl es keine Übereinstimmung gibt, was die Bedeutung des Ausdrucks betrifft, muss er sich wohl auf eine Musik bezogen haben, welche Chromatik und Stimmführung als Kunstgriff in Motetten und Madrigalen des 16. Jahrhunderts verwendet, um Emotionen hervorzuheben. Musica reservata war auch eine Musik, die in kleineren Kreisen wie den aristokratischen Höfen der damaligen Zeit dargeboten wurde und ein Gefühl von Intimität und Innerlichkeit vermittelte.

 

Credits:

Friederike Wild (piano).
Recorded at the University of Music of Stuttgart. Audio Engineer: Klaus Fritz. Produced by John Palmer and Klaus Fritz.

 

TRACK LIST:
1. first path  (08:39)

2. almost midnight (07:04)

3. midnight doesn't BE (02:18)

4. untitled (11:07) 

5. April, 29th April 1989 (02:26)

6. second path (03:16)

7. to the night (1) (02:10)

8. to the night (2)  (02:18)

9. chant (1)  (09:48)

10. incidental (02:35)

11. chant (2) (10:18) 

12. chant (3) (06:13)

 

Also available as downloads: 

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“Intuitively and unconsciously John Palmer's piano music infiltrates open space, steadily floating on an invisible path as if gradually opening, by its inner balance and intimacy, a transcending universe in which it merely exists. This is refreshing music that detaches itself from the many historical and material-related connections that are standing in the way of inspired composing."

Hans Christian von Dadelsen. (Translation: Jane Foster)

 

"Intuitiv, unbewusst, stets wie auf unsichtbarem Pfad schwebend tastet sich John Palmers Klaviermusik in den offenen Raum und öffnet schrittweise in ihrer inneren Balance und Intimität einen transzendenten Raum, in dem sie gleichsam bedingungslos nur mehr da ist – und damit hebt sich die Musik wohltuend aus den zahlreichen historischen oder materialbedingten Vernetzungen, die heute inspiriertem Komponieren im Wege stehen."

Hans Christian von Dadelsen

 

"John Palmer wählte ihn zum Titel der Sammlung seiner zwölf zwischen Dezember 1988 und Mai 1989 komponierten Miniaturen für Klavier solo, die nun von der jungen Pianistin Friederike Wild mit viel Klangsensibilität sowie fokussiert auf das Wesentliche eingespielt und auf einer CD des Labels "Animato now" veröffentlicht worden ist. […] Es geht ihm durchaus um Erlebnis- und Ausdrucksqualitäten, zu denen vorzudringen in unserer komplex-grellen, marktschreierischen Lebenswelt immer weniger möglich erscheint.

Momente des Klingens und Verklingens

Palmer hat faszinierende Nachtstücke ganz besonderer Art komponiert - die meisten davon tatsächlich zu nachtschlafender Zeit. Der Tonfall ist weder melancholisch-verträumt wie in den Nocturnes eines John Field, noch schwelgerisch und mit leidenschaftlichen Ausbrüchen wie bei Chopin; auch es gibt nichts, das ans Beklemmende rührt, wie bei Schumann.  Gleichwohl spürt der Hörer sogleich mit voller Wucht, wie sich seine Aufmerksamkeit sowohl fokussiert auf existenzielle Momente des je aktuellen Klingens und Verklingens, als auch zugleich weitet zu einem ungerichteten Lauschen hinein in die unendlichen Tiefen der Nacht.

Sinnlichkeit von Klang, Stille und Raum

In etlichen der Stücke (etwa in "almost midnight", "untitled" oder "Chant II") reihen sich ruhige, von milden Dissonanzen zum schimmern gebrachte Klangepisoden voller Geheimnis und inhärenter Windstille. Sie sind Ergebnis intuitiven Suchen und Findens, ja erklärtermaßen auch offen für mögliche improvisatorische Prolongationen seitens des Interpreten. Aber es gibt auch bewegtere Episoden, die etwa auf strengen reihenbasierten Kompositionsverfahren beruhen und an musikalische Gebilde aus dem Umfeld Anton Weberns oder Joseph Matthias Hauers erinnern (wie "second path" oder "incidental"). Trefflich findet sich eingelöst, was John Palmer über eine Art zu schreiben formuliert hat: "Ich suche stets instinktiv nach schöpferischen Verbindungen zwischen Kunst, dem Denken und der Seele und das Komponieren ward für mich zu einem allumfassenden Erlebnis in beiderlei Hinsicht: physisch und metaphysisch, sinnlich und geistig. Ähnlich der Meditation des Ostens entspringt die Musik, die ich schreibe, meinem Inneren Zentrum und der Wahrnehmung einer rätselhaften Sinnlichkeit von Klang, Stille und Raum."

Helmut Rohm, BR-Klassik, 6. 5. 2013

 

"Als 'intuitiv, unbewusst, stets auf unsichtbarem Pfad schwebend' hat Hans Christian Von Dadelsen die Klaviermusik des Pianisten und Improvisators John Palmer beschrieben, und das trifft den Charakter des zwölfteiligen Klavierzyklus 'musica reservata' ganz gut. Denn die oft dissonanten Klanggebilde sind in kein totales Netzwerk eingebunden und bewegen sich frei im Raum. Ihre meditative Stimmung ist Palmers vom Zen-Buddhismus geprägter Weltsicht geschuldet und wirkt enorm beruhigend. Friederike Wild, die sich mit besonderer Hingabe der zeitgenössischen Klaviermusik widmet, nimmt sich für die Erkundung von Palmers Klanglandschaften alle Zeit der Welt und lässt den Hörer an einer wundersamen Traumwelt partizipieren, die voller großer und kleiner Klangwunder ist."

Robert Nemecek, PianoNews 05/13 

 

"Es geht um Versenkung in den reinen Klang, die Stücke sind meist langsam oder vermitteln den Eindruck stillstehender Zeit (...)"

Klassik heute 05/13 (Hartmut Lück)